Nackt am Balkon, vor dem Spiegel

von Josef Bonet

Bei einer Fronleichnamsprozession in der Pfarre Ober Sankt Veit, wo ich von 1972 bis 1975 Kaplan war, ereignete sich etwas, was meine Lebenseinstellung wesentlich geprägt hat. Es geschah Folgendes: Ein kleiner Bub nahm wahr, dass mein Priesterornat etwas zu kurz geraten und rief laut, mit dem dem Zeigefinger auf mich zeigend: „Mama, Mama, schau! Unter dem Pfarrer geht ein Mann!“  Die Wahrnehmung und der Ruf dieses Kindes ließen mich erkennen, wie wichtig es ist, dass „unter dem Pfarrer ein Mann ist“. Wenn es nicht so ist, bleibt alles nur Fassade, nur Kulisse. Zunächst ist der Mensch eben Mensch und der Mann eben Mann. Er kann dann Pfarrer werden, oder einen anderen Beruf ergreifen. Das Überbetonen des Priester-Seins gepaart mit dem Verdrängen des Mensch-Seins geschieht leider oft bei Priestern. Die Verdrängung ist aber auch bei allen anderen Berufen möglich, die Verdrängung ist immer problematisch und kann sogar zu Krankheiten und Depressionen führen.

Es hat in meinem Leben eine Phase gegeben, in der bedingt vor allem durch berufliche Überlastung, das Priester-Sein über das Mensch-Sein dominierte. Diese Tatsache führte mich unausweichlich in einen depressiven Zustand, der die Ausübung meines Berufs sehr erschwerte, sich allmählich mehr und mehr verschlimmerte und dazu führte, dass ich ernsthaft überlegte, meine Tätigkeit als Pfarrer aufzugeben.

Mein depressiver Zustand wurde zunächst mit leichten, später dann mit stärkeren Psychopharmaka behandelt. Ohne positive Ergebnisse.

Eine Ärztin war es schließlich, die mich -ohne jede medikamentöse Behandlung- aus meiner Depression herausholte. Sie hatte- so sagte man mir- in Deutschland ihre berufliche Tätigkeit als Heilpraktikerin angefangen und man sagte mir, dass sie eine sehr gute Diagnostikerin sei.

Bei ihr ersuchte ich um einen Ordinationstermin, den ich auch gleich bekam. Das Erste, was sie tat, war, sich um den gesundheitlichen Zustand meines Körpers zu vergewissern. Dazu empfiehl sie mir nicht die übliche Gesundheitsuntersuchung, sondern sie gab mir die Adressen einiger ihrer vertrauter Fachärzte, die ihr dann den Befund der jeweiligen Untersuchung zukommen ließen. Erst als sie erfahren hatte, dass mein physischer Zustand zufriedenstellend war, rief sie mich an, und gab mir den Termin für die nächste Ordination bekannt.

In dieser zweiten Ordination ersuchte sie mich, ihr die Räume meiner Dienstwohnung zu schildern. Ein Gespräch zwischen uns beiden entstand dabei nicht. Mit nur einzelnen, ganz knappen Worten wie „wo“, „was“, „wie“, usw. versuchte sie, meine Schilderung in Fluss zu halten. Als ich mit meiner Schilderung meiner Dienstwohnung fertig war, sagte sie zu mir: „Wenn Sie aus meiner Ordination hinausgehen… (dabei dachte ich mir: Jetzt bekomme ich endlich ein Rezept mit der Verschreibung der bei mir wirksamen Tablettten oder Tropfen, und gleich geht es wieder den Berg hinauf!)…kaufen Sie einen Spiegel, einen Ganzkörperspiegel. Und jeden Tag, nach dem Aufstehen, gehen Sie zum Spiegel, bleiben Sie vor ihm einige Augenblicke stehen und nehmen Sie wahr, dass Sie mehr sind als nur Kopf und Verstand.“

Enttäuscht ging ich aus der Ordination hinaus, mit dem gefassten Beschluss, nie wieder in die Ordination zu kommen. In meiner Verzweiflung kaufte ich den Spiegel, stand jeden Morgen davor und kam nach zwei Wochen, ohne jede Spur von Besserung, in die Ordination wieder.

Auch in dieser dritten Ordination wurde ich gar nicht nach meiner Befindlichkeit gefragt. Vielmehr wurde ich dazu aufgefordert, etwas über meine Tätigkeit als Pfarrer zu erzählen. Wiederum fand kein Gespräch zwischen uns beiden statt. Seitens der Frau Doktor wurden wieder nurr knappe, einzelne Worte ausgesprochen: „wie“, „warum“, „weshalb“, usw. Nach meinem Bericht erwiderte die Frau Doktor: „Sie haben das letzte Mal erwähnt, dass sich in Ihrer Dienstwohnung, auf der Gartenseite, ein Balkon befindet. Gehen Sie jeden Morgen, nach dem Aufstehen und bevor Sie sich in den Spiegel anschauen, absolut nackt, zum Balkon hinaus, im Sommer wie im Winter, und auch bei jedem Wetter, und nehmen Sie wahr, dass Sie nur ein kleines Rädchen sind im großen Spiel des Werdens und Vergehens. Lernen Sie dabei aus hautnaher Erfahrung, dass es Hochwürden, Menschen, die über alles stehen, alles zu wissen und zu können glauben, und die sich für alles zuständig fühlen, nicht gibt. Sie werden sich dabei bestimmt nicht erkälten.“

Zum Schluss empfahl mir die die Frau Doktor eine Behandlung nach der Grinbergmethode (Körperarbeit) in Anspruch zu nehmen. „Wenn möglich bei einer Frau“, sagte sie. Und sie fügte dann hinzu: „Als Pfarrer, der Sie sind, werden Ihnen weibliche Hände gut tun.“

Und so stand ich jeden Morgen nackt am Balkon und vor dem Spiegel und ließ mich nach der Grinbergmehtode körperlich von weiblichen Händen behandeln.

Die Ordination der Frau Doktor habe ich nicht mehr betreten. Sie selber war es, die mir sagte, nur dann wiederzukommen, wenn ich es für notwendig erachte. Es war es nicht. Telefonisch aber habe ich mich bei ihr herzlichst bedankt.

Zu meiner Psyche (Geist und Seele) kam ich also zurück durch meinen Körper. Durch äußere, sinnliche Wahrnehmung fand ich wieder zu mir selbst.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass der Mensch nicht ein Wesen mit Leib u n d Psyche ( Seele u n d Geist) ist, sondern ein Leib-Psyche-Wesen. Beides- Leib und Psyche- von einander absolut nicht zu trennen ist. Der Mensch ist ein Wesen, das eine Einheit ist, sich aber in zwei Dimensionen wahrnimmt: In der Dimension nach Außen (der Leib) und in der Dimension nach Innen (die Psyche: Geist und Seele). Aber er ist immer nur e i n Wesen.

Diese Erfahrung hat icht nur mein Leben verändert, sondern auch die Art und Weise, meine priesterlichen Aufgaben zu erfüllen. Ich habe verstanden, dass Seelsorge nur halbe Sache sein kann, denn der Mensch ist mehr als nur Seele. Der Mensch ist ein Leib-Psyche-Wesen. Deswegen wird eine Seelsorge, die nur Seelsorge im wortwörtlichen Sinne des Wortes „Seelsorge“ ist, nie den ganzen Menschen erreichen können.

Als Seelsorger konnte ich mich daher nicht mehr verstehen, aber auch nicht als „Menschensorger“. Denn ein Jeder muss sich selbst sorgen, für sich selbst Verantwortung tragen und wissen, was ihm gut tut.

Wenn also Menschen auf der Suche nach Hilfe für ein Gespräch zu mir kommen, so findet in Wirklichkeit kein Gespräch statt. Auch ich, wie bei der Frau Doktor gelernt, spreche nur ganz wenige Worte aus („wieso“, „warum“, „und dann“, usw.). Diese Worte sollen dem jeweiligen Menschen helfen, zu einer Klärung seiner Taten, Gefühle und Gedanken zu kommen, um dann, nach der gewonnen eigenen Einsicht, das im eigenen Leben zu ändern, was geändert werden muss. Ratschläge (nicht einmal gute!) erteile ich daher nicht.

Wenn aber die Hilfe suchende Person, aus welchen Gründen auch immer, sich nicht aussprechen kann, nachdem ich die Frage gestellt habe, ob sie zu mir Vertrauen hat (was alle ausnahmslos bejahen, denn sonst wären sie nicht zu mir gekommen), ersuche ich sie (nur erwachsene Personen!), sich flach auf den Boden zu legen, lege dann ganz schwerelos meine Hand auf ihre Bauchdecke und versuche wortlos (ohne zu erklären, was geschieht), ihre Atmung zu beruhigen und zu vertiefen. Meistens nach vierzig, fünfzig Minuten ist die Atmung ruhig und tief, die Durchblutung hat sich gebessert und die Person hat sich ganz entspannt. Auf meine Frage: „Wie fühlen Sie sich jetzt?“ antworten alle ausnahmslos: „Gut, sehr gut! Jetzt kann ich mich aussprechen.“  Was nicht gleich geschieht. Nach der Vereinbarung eines nächsten Termins gehen sie alle weg mit der gewonnenen Erfahrung: „Mir geht es gut. Sehr gut sogoar!“. Erst beim nächsten Treffen, bei dem die meisten nach einer Wiederholung der „Behandlung“ verlangen, gebe ich ihnen die Möglichkeit, durch das Erzählen aus dem eigenen Leben zu einer eigenen Lösung zu kommen. Meistens sind aber mehrere Termine notwendig.

Diese Art und Weise, die priesterliche Tätigkeit auszuüben, ist übrigens nichts Besonderes und auch nicht neu. Sie ist die ständige Praxis der christlichen Kirchen im Kernbereich ihrer Tätigkeiten, beim Vollzug der Sakramente: Wasser, Salböl, Brot und Wein, Handauflegung und Sexualität (Ehesakrament) und sprechen den Menschen in seiner Körprlichkeit, in seiner Sinnlichkeit an, meinen aber den ganzen Menschen. Leider werden diese Elemente in den christlichen Kirchen, und auch nicht so selten die Sexualität in der Partnerschaft auf nur ein zeichenhaftes Minimum reduziert.

Der klassische Spruch „mens sana in corpore sano“ (wenn der Leib gesund ist, dann ist die Seele gesund) dürfte demnach nicht ganz stimmen. Gesund ist der Mensch nur ganz. Eben nur dann, wenn Leib u n d Psyche (Geist und Seele) gesund sind.

Über den Autor: Josef Bonet ist röm.-kath. Pfarrer in Pension; pepone.bonet@tmo.at

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