Den Mut haben, sich immer wieder neu auf das Leben einzulassen

von Judith Judt

Personale Existenzanalyse und Logotherapie

Wegweiser, und Rahmen sind die vier Grundmotivationen oder auch Grundbewegungen des Menschen.

Die ersten drei Grundmotivationen, wie später angeführt,  bearbeiten  das Thema der Personalen Existenzanalyse, nach Alfried Längle. Ihr ist es wichtig die Person zu einem  „Ja, zum Leben“ zu führen. Vor allem dort, wo keine Veränderungen mehr möglich sind, wie zu bestimmten Lebensumständen, zu Schicksalsschlägen, zu Kultur und Familie, physischer Gesundheit, zu ihren Schwächen und Stärken, zu ihren Gefühlen, zu ihrem Versagen, zu ihrer Vergangenheit, ihrer Kindheit, ihrem Charakter.

Es heißt aber nicht, diese Umstände nicht verändern zu wollen, es heißt nicht diese gut zu heißen, es heißt nicht, dass die Person  damit umgehen können muss.  Zu einem „Ja“ kann ich, laut Existenzanalyse, finden, wenn ich mein Leben trotz widriger Umstände annehmen kann! Zum Annehmen finde ich, indem ich mein Leben aushalte, es sein lassen kann, wie es ist, ich lerne damit leben. Dieses Annehmen führt zu Gelassenheit und Frieden. Der Kampf gegen Unveränderbares hört auf. So wird der Blick frei für zukünftiges Leben.

Das Thema der vierten Grundmotivation ist die Logotherapie bzw. Sinntherapie, nach Viktor Frankl. Wobei sinnvolle Erfahrungen, nach Frankl, dem Begründer der Logotherapie, aus Erlebniswerten, schöpferischen Werten und sogenannten Einstellungswerten gewonnen werden können. Letzteres bedeutet vor allem sich einstellen zu Verlusten, Leid, Schuld und Tod. Bei Frankl geht der Wille in Richtung Sinn auch im Angesicht von unwiederbringlichen Verlusten. Dies bedeutet für ihn die Trotzmacht des Geistes zu aktivieren und über alles Hindernde hinweg trotzdem immer wieder „ja, zum Leben „ zu sagen. Hier schließt sich der Kreis zur Personalen Existenzanalyse.

Kurz zum persönlichen Hintergrund der genannten Personen. Alfried Längle war ursprünglich ein Schüler Viktor Frankes, ging aber später eigene Wege in der Entwicklung der Personalen Existenzanalyse. Bei dieser Arbeitsweise ist es wichtig ist, nicht nur Sinn im positiven zukünftigen Handeln, wie in der Logotherapie, zu finden, sondern auch einen Blick auf die Vergangenheit einer Person zu werfen und Belastendes bzw. Hemmendes aufzuspüren, begreifbar zu machen und so aufarbeiten zu können.

Personale Existenzanalyse – Blick in die Vergangenheit – Aufarbeitung, Versöhnung – dann Blick in die Zukunft – sinnvoll handeln nach Alfried Längle. Logotherapie – dort wo ich stehe, sinnvoll handeln – ohne Aufarbeitung der Vergangenheit – nach Viktor Frankl. Wobei Längle die Logotherapie als 4. Grundmotivation in seine Personale Existenzanalyse eingefügt hat. Dieser Unterschied der Arbeitsweise ist hier sehr vereinfacht dargestellt. Beide Wege führen zu einem gangbaren therapeutischen Prozess.

Diese Erklärungen, vorangegangene und folgende, sind vor allem für sie bestimmt, damit sie sich ein wenig in die Materie der Logotherapie und Existenzanalyse einleben können.

Die vier Grundmotivationen, die ich in Folge anführen möchte, sind wesentliche Impulskräfte des menschlichen Daseins. Es besteht ein Streben diese Grundbedürfnisse zu erhalten, zu erneuern oder neu zu erringen. Es stellen sich in der Praxis der Existenzanalyse und Logotherapie die Fragen: Was braucht es, um zu einem erfüllten Leben zu kommen? Was braucht es von mir? Was fehlt mir dazu? Was behindert mich darin? Indem ich diesen Fragen nachgehe, kann ich zu mir selbst und mit der Welt um mich herum in eine tiefe und bewusste Beziehung kommen.

1.GM Dasein – können, das Streben nach Sicherheit – Hier geht es um das Erleben von Halt, Raum und Schutz, um in dieser Welt sein zu können. Unterstützt und gefördert wird dies durch Erfahrungen von angenommen sein, die schon in der Kindheit grundgelegt werden. Die Anfragen lauten: Kann ich so leben?  Fehlt mir etwas Essentielles zu einem guten Leben? Was hindert mich am Leben?

Psychopathologie bedeutet in diesem Zusammenhang, etwas das sich in meinem Leben ereignet hat nicht annehmen können oder ablehnen. Heilung und Therapie besteht darin, sich mit dieser Wahrheit in Verbindung bringen, sich damit auseinanderzusetzen, sie als gegeben annehmen als eigene Realität erkennen. Leitmotiv: Annehmen können, das was ist:

2.GM  Leben – mögen, das Streben nach Beziehung – Fühlen von Nähe und Zuwendung. Gefördert wird dies durch Zuwendung, die uns geschenkt wird. Es leitet aber auch an, sich Wertvollem zuwenden zu können. Die Anfragen lauten: Mag ich so leben? Lebe ich mit innerer Zustimmung? Mag ich mein Leben oder lehne ich es ab?

Wichtig ist es hier, sich im therapeutischen Prozess mit seinen Gefühlen auseinanderzusetzen. Zustimmung und Ablehnung Raum geben können und dazu stehen. Das Wertvolle für sich selbst erfassen und seinen Emotionen vertrauen lernen. Leitmotiv: Wertvolles erkennen, sich zuwenden können. Sorgsam mit sich selbst  umgehen.

3.GM Sosein – dürfen, das Streben nach Achtung – Es geht um das Spüren von Wertschätzung, Individualität und um die nötige Abgrenzung. Gefördert wird dies durch den Respekt, den andere Menschen mir entgegen bringen. Es verlangt aber auch die Anerkennung des Eigenen durch sich selbst. Die Anfragen lauten: Darf ich so leben?  Darf ich der sein, der ich bin?

Wesentlich ist hier zu lernen, jedem seine Eigenheit zu belassen. Sein Eigenes, sich selbst, respektvoll in Empfang nehmen und es von den anderen abgrenzen können. Sein persönliches Gespür entwickeln und dadurch authentisch sein. Wertschätzung für sich und andere aufbringen. Leitmotiv: Das ich und du respektieren und achten.

4.GM Sinnvoll – leben, die Offenheit für Sinnvolles – Sinnverwirklichung – Streben nach Sinn und Erfüllung – Wille zum sinnerfüllten Leben. Die Anfragen lauten: Soll ich so leben?  Erlebe ich mein Leben als sinnvoll? Was fehlt mir zu einem Leben, das mich mit Zufriedenheit und Sinnhaftigkeit erfüllt?

Es ist dabei wichtig Offenheit für die Anforderungen oder Angebote seiner Lebenssituation zu entwickeln, sein Betätigungsfeld zu finden, wo Begabungen eingesetzt werden können. Das Sinnvolle des Lebens erkennen und sich voll darauf einlassen. Leitmotiv: Sinnvoll handeln

Die Logotherapie und Existenzanalyse arbeitet mit verschiedenen Methoden um die angestrebten Werte zu erringen  oder Lebenshemmungen zu überwinden.

Als Gesundheitstipp möchte ich ihnen die Entscheidungsfindung  und Sinnerfassungsmethode vorstellen.

SINNERFASSUNGSMETHODE – ENTSCHEIDUNGSFINDUNG

Wenn ich zwischen 2 Alternativen wählen soll – Welche ist sinnvoller?

1) Wahrnehmen:

Informationen einholen, Orientierung wichtig – Was liegt hier vor? Was sind die Rahmenbedingungen? Das ist das Feld in dem ich mich bewege. Fakten sammeln > Hinweise auf Wahrnehmungsverzerrung beachten. Fixierte Vorstellungen kann ich aufspüren. Was sind die tatsächlichen Gegebenheiten?

2) Werten:

Werten, um Klarheit zu bekommen, ob eine wahrgenommene Möglichkeit, auch eine Sinnmöglichkeit darstellt. Es bedarf des Erfassens! Beziehungsaufnahme wichtig < hin spüren >Wie ist es? Wofür ist es gut? Je mehr ich mich einlasse, je mehr erfasse ich ihn in seiner Wertigkeit. Genau hinschauen! Die sachliche Wahrnehmung geht über in ein „Wertfühlen„. Was empfinden sie dabei? Wie erleben sie das? Wie wirkt es auf sie?

3) Entscheiden:

Wenn 1+2 gut gelingt, geht 3 leicht! Die Entscheidung liegt dann auf der Hand. „Ja, das will ich!“ Sich dazustellen, zu der als richtig erkannten Möglichkeit. Ist wichtiger Schritt bei wichtigen Entscheidungen! „JA“ hat Vertragswirkung! Ist festgeschrieben, da kann ich mich nicht darüber schummeln. Sag ich ja? Kann ich mich dazustellen, meine Unterschrift darunter setzten?

4) Umsetzen:

Durchführen > Handeln > Wenn 3 gut, dann geht es. Mittel und Wege für die Umsetzung finden > Handlungsplan erstellen!

Dies klingt alles sehr logisch und selbstverständlich. Für mansche Personen kann es aber sehr schwierig werden, wenn sie z.B.  durch schwerwiegende Verluste – wie Krankheit, Unfall, Todesfall – aus der Bahn geworfen worden sind und sich mit Hilfe eines Begleiters das Leben neu ordnen müssen. Da kann man nur kleine Schritte machen und die sollten gut abgewogen sein. Denn die Lösung und der sich zeigende Weg  wird nicht vom Begleiter erdacht, sondern er soll sich im Herzen des Klienten manifestieren. Nur dann ist er gangbar. Durch das Aussprechen und gemeinsame reflektieren der vorhandenen Möglichkeiten und durch die Wertschätzung und Empathie, die der Begleiter der Person entgegenbringt, findet sie zu mehr Vertrauen und Sicherheit in der neuen Lebenssituation.

Über die Autorin: Mag. Judith Judt ist Apothekerin, Lebens- und Sozialberaterin und Expertin für Logotherapie & Existenzanalyse.

http://www.iris-beratung.com/

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