Zum Thema „Kollektive Gesundheit“

von Norbert Fuchs

Es wurde schon so viel Nützliches und weniger Nützliches geschrieben über Gesundheit und Krankheit, dass es mir müssig erscheint, diese Vielzahl an Beiträgen durch weitere Ein-, Aus-  und Übersichten zu ergänzen.

Gerne aber nütze ich Peter Bergers Blog dazu, einige Gedanken zum Begriff „Gesundheit“ zu formulieren, die mich zunehmend beschäftigen. Zunehmend beschäftigen als einer, der beruflich immer noch Respekt hat vor der Biologie von Natur und Mensch. Zunehmend beschäftigen nach mittlerweile beinahe 40 Jahren ambivalenten Erfahrungen mit dem „System Gesundheit“. Und nicht zuletzt zunehmend beschäftigen als Vater von vier Kindern, denen ich mehr hinterlassen möchte als ein materielles Erbe, das auf Kosten ihrer (und ihrer Kindeskinder) Zukunft „erwirtschaftet“ wurde.

Zur Frage „Wie gesund ist unser Wirtschaftssystem“:

Die Wirtschaftskrise 2008 zeigte uns deutlich, dass der globale Kapitalismus seine Grenzen hat. Sie zeigte uns aber auch, dass wir aus der Krise in den 1930er Jahren gelernt haben. Anders wäre es nicht gelungen, durch internationale Staatssolidarität den totalen Crash abzufedern.

Die unerwartet rasche Erholung aus der Krise aber brachte uns zwei weitere Erkenntnisse:

Einerseits, dass der Kern der (realen) Wirtschaft durchaus belastbar und kraftvoll ist, andererseits aber auch, dass die VertreterInnen der (Finanz)Wirtschaft aus der Krise nicht „gelernt“ haben. Wie sollten sie auch ? Sie haben ja nichts anderes „gelernt“, als mit Kapital zu handeln. Das Spiel „Spekulant spekuliert – Bank  borgt Spekulanten Geld – Staat fängt in der Krise Banken auf“ aber wird sich nicht allzu oft auf Kosten der Realwirtschaft und Steuerzahler wiederholen lassen.

Benedikt IX sagte im Zuge der Wirtschaftskrise sinngemäß einen bemerkenswerten Satz: „Geld ist weder gut noch schlecht. Erst der Mensch, der den Geldschein in die Hand nimmt, entscheidet darüber, ob dieses Geld gut oder schlecht ist.“ Vermutlich ist gerade dies die größte Schwachstelle des Kapitalismus: dass Geld keine Seele hat und dass die Ökonomie primär eine mathematische, aber keine moralisch-ethische Dimension zeigt.

Zur Frage „Wie gesund ist unsere Energiewirtschaft“:

Das wesentlichste Argument für die Nutzung von Atomstrom ist, dass AKW-Energie die günstigste Form der Energiegewinnung sei.

Dieses Argument aber ist gerade auch aus ökonomischer Sicht völlig absurd. Jeder unternehmerische Betrieb ist aus kaufmännischer Sorgfalt dazu verpflichtet, etwaige zukünftig anfallende Kosten (z.B. Abfertigung nach Ausscheiden von DienstnehmerInnen, drohende Zahlungen aus schwebenden Verfahren) durch sogenannte „Rücklagen“ bilanziell rückzustellen. Es bedarf keiner großen unternehmerischen Weitsicht, im Falle eines Betreibens von Atomkraftwerken davon auszugehen, dass im Laufe von Jahrzehnten mit mehr oder weniger großen Störfällen, statistisch betrachtet, auch mit dem einen oder anderen GAU zu rechnen sein muss.

Im aktuellen Fall von Fukushima zeigt sich, dass AKW-GAUe Streuwirkungen aufweisen, die alle bisher gewohnten geografischen und zeitlichen Dimensionen sprengen und praktisch alle Lebensräume betreffen. Alleine die ökonomische Berechnung der Folgekosten – und damit die Höhe der Rücklage – eines einzigen Super-GAUs würde uns zeigen, dass Atomstrom ökonomisch unrentabel ist.

Energiewirtschaft kann nur aus der Perspektive Generationen-übergreifender Zeiträume bewertet werden, wollen wir vermeiden, dass unsere Kinder und Kindeskinder damit beschäftigt sind, unseren Müll zu entsorgen (so ferne sie dazu gesundheitlich überhaupt in der Lage sein sollten).

Zur Frage „Wie gesund ist unser Gesundheitssystem“:

Der Gesundheitsmarkt ist einer der wenigen Märkte, in denen Zahlende und Konsumierende nicht identisch sind. Ein System, ursprünglich aus sozialen Motiven geschaffen und gewachsen, ist, je grösser und vernetzter, auch zunehmend anfällig gegen ideologischen Nepotismus, dogmatische Erstarrung und Korruption.

Der kritische Vorwurf, unsere Medizin verkomme immer mehr zur „Reparatur-, Apparate- und Symptomenmedizin“, spiegelt die gefährliche Realität dieser Erkenntnis wider. Bedenkt man, dass in den Industrieländern mittlerweile die Hälfte aller Erkranken als ernährungsbedingt oder zumindest ernährungsabhängig gelten, zeigt dies, dass sich Gesundheitspolitik nicht mehr auf medizinische Bereiche beschränken kann.

Die Tatsache, dass sich zwischen die ursprünglichen Lebensmittelerzeuger (Landwirtschaft) und KonsumentInnen eine mächtige Lebensmittel- und Futtermittel-Industrie gezwängt hat, die beinahe alles, was wir auf den Tisch gesetzt bekommen, raffiniert, konserviert, aromatisiert und in anderer Weise verändert, sollte uns den Blick über den Tellerrand öffnen. Gesundheit beginnt auf dem Ackerboden und nicht in den Krankenhäusern.

Zur Frage „Wie gesund ist unsere Politik“:

Verfolgt man die Kommentare politisch Verantwortlicher zu Tages- und Langzeitthemen, fällt immer häufiger ein Defizit an Volksnähe, Moral und / oder Hausverstand auf.

Analysiert man die Strukturen von Parteien, insbesondere jene der etablierten, so wird dabei die vernetzte Abhängigkeit dieser Parteien von ihren Flügeln und Bünden
sichtbar. Diese – historisch gewachsenen – Strukturen haben im Laufe von Jahrzehnten ein gegenseitiges Abhängigkeitsverhältnis geschaffen, das klare und nachhaltige Entscheidungen praktisch unmöglich macht.

Ein Schulsystem zu etablieren, das den aktuellen Anforderungen der soziodemografischen Struktur entspricht, kann keine Aufgabe von Jahrzehnten sein. Jungen Menschen klar zu machen, dass Studienplätze Geld kosten und daher – gegen einen zinsenlos rückzahlbaren Kredit – bezahlt werden müssen, ist keine Entscheidung gegen das Grundrecht für Bildung, sondern – im Gegenteil – eine effiziente Maßnahme, Kostenverantwortung zu vermitteln und soziale Unausgewogenheiten auszugleichen.

Dass notwendige politische Entscheidungen aufgeschoben, verschleppt oder halbherzig getroffen werden, spiegelt die Beziehungsstarre unserer politischen Parteienlandschaft wider. Nicht getroffene Entscheidungen aber sind die schlechtesten – und teuersten.

Zur Frage „Wie gesund sind unsere Politiker“:

War es vor einigen Jahrzehnten für manche Auserwählte noch eine ehrenvolle Herausforderung, auf politischer Ebene im Dienste der Allgemeinheit zu arbeiten, mutiert das politische Milieu immer mehr zum Nährboden für persönliche Raffgier.

Man muss nicht nach Tunesien, Russland, Namibia, Ägypten oder Libyen blicken, um eine grenzenlose Scham- und Skrupellosigkeit im Missbrauch politischer Macht zu orten. Auch in zentraleuropäischen Ländern werden politische Ämter zunehmend von Leuten dazu benutzt, ihre persönlichen materiellen und machtpolitischen Ziele zu erreichen. Die Frage nach der Parteizugehörigkeit spielt für diese Personen dabei nur eine untergeordnete Rolle, Hauptsache Geld fließt und Einfluss steigt.

Ex-Finanzminister, die vorzeigen, wie man Staatsabgaben über ausländische Stiftungen umgeht, Ex-Verkehrsminister, die vorführen, wie man Österreichs Autobahnen hinter unnötigen und teils lebensgefährlichen Schallschutzmauern und -Einhausungen verschanzt und Ex-Bundeskanzler, die atomare Energieversorger darüber beraten, wie man todsichere Projekte als dodelsicher verkaufen kann – das Sittenbild einer verkommenen Politikergeneration, dessen moralischer Verfall im medialen Alltag bestenfalls am Rande angemerkt wird.

Dass sich neben diesen „rechtlich korrekten“ Vernetzungen auch eine Reihe strafrechtlich relevanter Betrugsszenarien abspielen und abspielten, liegt auf der Hand, kann aber in vielen Fällen mangels handfester Beweise (und dank hochbezahlter, politisch und sozial ebenfalls bestens vernetzter Anwälte) nur selten strafrechtlich verfolgt werden.

Anschuldigungen dieser Art an Politiker wären vor Jahrzehnten noch mit Verleumdungsklagen beantwortet worden. Heute reicht den Betroffenen die Unschuldsvermutung und die selbstgerechte Meinung, nur von Neidern umgeben zu sein, um ihr Moral-entkoppeltes Society-Leben weiter zu leben.

Erkennt man nun, dass Energie, Wirtschafts-, Schul- und Gesundheitspolitik immer häufiger von dieser neuen Kategorie von PolitikerInnen betrieben und gesteuert wird, wird plötzlich klar, dass die Lösung dieser politischen Ziele gar nicht im Fokus deren politischen Engagements steht.

Über den Autor: Mag. Norbert Fuchs ist Konzessionär der Stadt Apotheke Bruck an der Mur und Leiter der Firma Ökopharm. Er ist Ernährungsexperte, Buchautor und Referent bei  der Ernährungsakademie Salzburg: http://www.bruck.apo.or.at/, http://www.oekopharm.at, http://www.naehrstoff-akademie.com/, http://www.intl.at/

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